Pfingstmontag, 29. Mai 1944

 

Eintragung in der Pfarrchronik von Pfarrer Adolf Fedor Sollinger am Pfingstmontag, 29. Mai 1944, jener Tag an dem die alte Servatiuskirche zerstört wurde.

Auch der Morgen des zweiten Pfingsttages verspricht einen schönen Feiertag. Strahlender Sonnenschein, blühende Bäume, der Gesang von Vögeln – wahrhaftig Pfingsten, ein fest des Lebens und der Freude! Und trotz alldem kann ich eine gewisse Bangigkeit nicht loswerden. Die hl. Messe um 6 Uhr und 7 Uhr sind bereits gefeiert worden. Auch ich habe um 8 Uhr das hl. Opfer dargebracht und schicke mich an, um 9 Uhr den Hauptgottesdienst (Bination) zu beginnen.

Kaum habe ich das Staffelgebet begonnen, kommt der Mesner und sagt mir, soeben sei im Radio die Meldung durchgegeben worden: „Anflug von Feindflugzeugen nach Kärnten und Steiermark“. Wir wissen schon, was das bedeutet: wir haben Fliegeralarm zu erwarten. Also hat mich meine Ahnung doch nicht getäuscht! Die Predigt wird gekürzt, und ich mache die Gläubigen auf die Gefahr aufmerksam, damit die älteren Leute rechtzeitig heimgehen können. Die meisten aber bleiben. Ich bete gerade die unmittelbaren Vorbereitungsgebete vor der hl. Kommunion, als die Sirenen aufheulen. Fliegeralarm! Nachdem ich die hl. Gestalten konsumiert habe, breche ich die hl. Messe ab und fordere die Kirchenbesucher auf, die Kirche sofort zu verlassen und in dem nächstgelegenen Luftschutzkeller Zuflucht zu suchen.

Es ist ca. 9.40 Uhr. Ich nehme das Allerheiligste aus dem Tabernakel und trage es – noch immer mit dem roten Messgewand bekleidet – in den Luftschutzkeller des Pfarrhofes. Unwillkürlich werde ich an die Katakomben in Rom erinnert. Der gewölbte Keller, der Altar mit dem Tabernakel und zwei flackernde Kerzen, und davor betende Menschen. Es sind mehrere junge Mädchen, ein Ministrant und etliche Nachbarleute und Kirchenbesucher. Schon beginnt die Flak zu bellen. Ich erteile die Generalabsolution und lasse sie mir dann von Kpl. Vielnascher selbst geben. Nachdem ich noch an einige Anwesende die hl. Kommunion gespendet habe, vollende ich die hl. Messe. – Wie auch sonst immer bei Fliegerangriffen, beten wir gemeinsam den Rosenkranz und singen nach jedem Gesätzchen Marienlieder. Wir haben auch den Radioapparat in den Keller gebracht, um die Meldungen des Rundfunks (= Luftschutzsender Wien) abzuhören. „Starke Feindverbände im Anflug von Süden. Bombenabwurf über Wr. Neustadt. Anflug auf Wien...“, so lauten die Meldungen. Gerade als wir den Rosenkranz beendet haben, wird wieder eine Meldung durchgegeben: „Die feindlichen Verbände befinden sich im Abflug nach Süden. Für Wien besteht keine Gefahr mehr. Wir schalten auf Musik um“. Und wir schalten das Radio ab, und schon ertönt das Sirenensignal „Entwarnung“. Es ist 10.25 Uhr. Ehe wir den Keller verlassen, um uns in die Kirche zurückzubegeben, weil H.H. Kaplan Vielnascher schon um 10.30 Uhr die hl. Messe beginnen soll, beten wir noch für alle, die bei diesem Angriff ums Leben gekommen sind, besonders auch um das so schwer heimgesuchte Wr. Neustadt. Dann klingt in Dankbarkeit und Freude, dass uns Gott beschützt hat, das „Großer Gott, wir loben dich...“ auf, und um weiteren Schutz flehend das Lied: „Maria, breit den Mantel aus...“

Während ich noch bemerke, wir müssten von nun an an Sonn- und Feiertagen die beiden hl. Messen um 9 und 10.30 Uhr wegen der häufigen Fliegeralarme entfallen lassen und dafür eine Abendmesse ansetzen, ist Kaplan Greiffenberg bereits nach oben gegangen. Aber schon stürzt er wieder in den Keller zurück, schlägt die Tür zu und ruft uns erregt zu: “Neue Feindverbände! Fünf Flieger kommen sehr nieder auf uns zu!“ Und schon beginnt ein Sausen und Brausen. Aber wahrhaftig kein Pfingststurm! Ein Luftdruck reißt die Tür auf, das Haus erzittert in den Grundfesten, der Boden hebt und senkt sich, man vermeint auf einem Schiff zu sein. Ein Krachen uns Splittern! Das elektrische Licht erlischt. Auch die Kerzen am Altar drohen durch den Luftstoß zu erlöschen, flackern wieder auf. Ein Bombeneinschlag folgt den anderen! Unbeschreiblicher Schrecken erfasst uns. Jetzt muss das Ende kommen! Ich öffne den Tabernakel, alle werfen sich auf die Knie, Sr. Julitta allein steht, wie versteinert, und im gemeinsamen Gebetsrufen bestürmen wir Gott und unsere hl. Mutter, uns beizustehen. Wellen feindlicher Bomber, immer neue Bombeneinschläge! Uns ist jeder Zeitbegriff verlorengegangen. – Endlich verebbt der Lärm in der Ferne. Dann Stille, Totenstille!-

Der Anblick, der sich uns nach dem Verlassen des Kellers bot, war wirklich schrecklich: wo man hintrat überall Glasscherben, Holztrümmer, Scherben. Im Hausflur lag die große Eingangstüre, die der Luftdruck ausgebrochen hatte. Und wie sah erst die Straße aus! Auch voll Scherben, Schutt und Staub. Überall hingen gerissene Drähte herab. Aus den Trümmern der getroffenen Fabriken stiegen schwarze Rauchwolken auf, und über ganz Liesing lag eine graue Staubwolke.

Mein erster Blick war zur Kirche. Ich sah den Turm stehen und glaubte schon, der Kirche sei nichts geschehen. Da kam ein Bub gerannt und rief mir zu: „Herr Pfarrer, die Kirche ist troffen worden. Sie ist eing’stürzt“. Sofort eilte ich zur Kirche, wo ich noch vor 1 Stunde das hl. Opfer – das letzte! – gefeiert hatte. Und wahrhaftig! Unsere Pfarrkirche war nur mehr ein Trümmerhaufen.

Der Turm, der stehen geblieben ist, weist Sprünge auf, doch besteht keine unmittelbare Einsturzgefahr. Hingegen muss mit dem Einsturz der Sakristei täglich gerechnet werden. Auch die Orgel blieb – wenn auch stark beschädigt – erhalten. Die Sakristeiuhr, die unbeschädigt blieb, zeige 1 Minute nach 10.30 Uhr. Um diese Zeit dürfte der Einschlag der Bombe erfolgt sein. Die Bombe, die unsere Pfarrkirche zerstört hat, galt der nahegelegenen chemischen Fabrik. Nachdem die das Dach des nebenstehenden Hauses gestreift hatte, schlug sie in das Fundament hinter dem Marienaltar ein, durch die Explosion wurde das Fundament gehoben und die Kirche zum Einsturz gebracht.

Ein Trost ist uns geblieben: das Sanctissimum (= Allerheiligste) war gerettet, der Herr ist bei uns geblieben. (Bei der Bombardierung der Pfarrkirche in Guntramsdorf war auch das Sanctissimum vernichtet worden). Ich musste an meine Antrittspredigt denken; damals hatte ich mir das „Dominus vobiscum“ zum Thema gewählt: „Des Priesters Gruß – des Priesters Wusch – des Priesters Aufgabe: Der Herr sei mit euch!“ ER ist bei uns geblieben, auch in der furchtbarsten Stunde! Das ist Trost und gibt Kraft und Zuversicht.

Auch der Pfarrhof wurde durch Bombensplitter und durch den Luftdruck arg hergenommen. Sind doch rund um den Pfarrhof 16 Bomben niedergeschlagen und 1 Luftmiene, die aber zum Glück nicht explodiert war. Ein Teil des Daches wurde abgedeckt, der andere Teil stark beschädigt. Die Mauer im 1. Stock sowie die Decken wiesen starke Risse auf, der Großteil der Fenster ist zerschlagen, Fensterrahmen und Türstöcke beschädigt. Besonders meine Wohnung und die Paramentenkammer wiesen starke Schäden auf.

Dieser furchtbare Angriff wurde von ca. 400 amerikanischen Bombern geflogen, die nach polizeilicher Angabe rund 1400 Bomben und 3 Luftminen (eine davon in der Liesingergasse, nahe dem Pfarrhof) abgeworfen hatten. Betroffen wurde unsere Pfarre, Atzgersdorf und ein Teil der Pfarre Mauer. Auch unser Nachbarhaus (Beamten-Villa der“Donau-Chemie“), 10 Meter von unserem Luftschutzkeller entfernt, erhielt einen Bombentreffer: 4 tote und ein Schwerverletzer. Zwei Bomben zerstörten den erst fertiggestellten betonierten Luftschutz-Wasserbehälter in der Wienerstraße, gegenüber dem Pfarrgarten. Die umhergeschleuderten Betonstücke beschädigten Bäume im Pfarrgarten und die Dächer unserer beiden Nebengebäude (Seelsorgeraum u. Schupfen). Außer den vielen baulichen Schäden – vielen zerstörten Wohnhäusern und Fabriken – sind leider auch zahlreiche Menschenopfer zu beklagen. Wir betrauern allein in unserer Pfarre über 80 Tote. Darunter sind: (Es folgt eine Liste mit 58 Toten)

Die restlichen waren Fremdarbeiter, die hier als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Es dauerte mehr als 3 Wochen, bis alle beerdigt waren. R.i.p.! – Außer den Toten gab es auch eine große Anzahl Verletzter. – Von 3 Toten wurde überhaupt nichts mehr gefunden; sie wurden total zerfetzt. Noch am folgenden Tag sah man Leute in den Trümmern nach verschütteten Verwandten graben oder nach ihren Habseligkeiten suchen. Ein furchtbares Bild des Grauens und des Jammers, ein Bild irdischer Vergänglichkeit! Einige wenige Augenblicke genügen, um all das zu zerstören und zu vernichten, was für die Menschen Glück und Existenz bedeutet hat.

Besonders wüst sah es auf dem Frachtenbahnhof aus. Aufgerissene Schienen. – ein Schienenstück wurde bis zur evangelischen Kirche geschleudert, durchschlug das Dach und bleib im „Pfarrerstuhl“ stecken -, aufgestellte Waggons, Bombentrichter, und dazu die bis in die Nacht andauernden Detonationen des getroffenen Munitionszuges. Der gesamte Zugverkehr auf der Südbahn war 8 Tage lang unterbrochen. Die Züge kamen nur bis Liesing und die Fahrgäste mussten hier in Autobusse umsteigen. War das ein Wirbel, als am Abend die Pfingstausflügler nach Wien heimkommen wollten!

Am Abend mussten der Pfarrhof und die umliegenden Gebäude geräumt werden, weil die Luftminen entschärft wurden. Kurz nach Mitternacht gab es wieder Fliegeralarm: Einflug von Störflugzeugen mit Bombenabwurf im Raum Groß-Wien. Am Pfingstdienstag abermals ein Angriff starker feindlicher Kampfverbände in der Nähe von Wien. – Das war Pfingsten 1944 in Liesing.

Es sei noch eine Tatsache festgehalten! Aus der zerbombten Kirche, in der alles in Schutt und Trümmern lag, konnten das älteste Marienbild und eine Statue des hl. Judas Thaddäus unbeschädigt geborgen werden. Dieses Marienbild hatte gerade gegenüber der Stelle gehangen, an der die Fliegerbombe die Kirche getroffen hatte, war trotzdem unbeschädigt geblieben und blickte auf die Trümmer herab. Etwas Ähnliches geschah auch in meinem Arbeitszimmer. Dieses war von allen Räumen des Pfarrhofes am ärgsten beschädigt worden und war nur 10 m vom Bombeneinschlag im Nachbarhaus entfernt. Eine Muttergottesstatue darin war äußert gefährdet, ist aber ganz unversehrt geblieben.