Jesus Christ Superstar

Würde ein „Micro-Mann” unterschiedliche Passanten bei einer Umfrage darum bitten, einen Superstar zu nennen, die Antworten wären wohl höchst unterschiedlich. Da spannt sich der Bogen über Popstars, Schi-Idole und Nobelpreisträger, bis hin zu Songcontest-GewinnerInnen und allen möglichen großen und kleinen Helden unserer Zeit und im Alltag. In der österlichen Fastenzeit wurde in der Pfarre Liesing auch ein Superstar besungen, ein Superstar der ganz besonderen Art, und zwar mit Liedern aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“. Diese Musik von Andrew Lloyd Webber über das Leben und Leiden des Jesus von Nazareth sowie den Neubeginn nach dessen Tod am Kreuz, haben es in sich! Lyrisch romantische Melodien, Klänge von Hardrock-Gitarren, fanfarenartige Anrufungen des „Superstars”, schwungvolle Piano-Klänge eines Charlestons, Spott, Liebe, Freudenausbrüche, Unrecht und Trauer, Heil und Trost – der Mix ist ebenso genial wie berührend.
Vor drei Jahren ist dieser Mix in der Pfarre Liesing schon einmal erklungen. Damals in der großen Kirche, inszeniert mit Kostümen und Requisiten, mit Tanzeinlagen und gar einer „Videoperformance” im Klang und Licht einer riesigen technischen Anlage. – Nun war das Motto ein anderes: Der besinnlichen Zeit entsprechend, im kleinen Rahmen, mit weniger Aufwand und Requisiten aber dafür mit mehr Musik. Das schlicht Angedeutete sollte die Fantasie anregen und die Musik die Emotionen dazu wecken.
Rückwirkend gesehen stimmt es fast nachdenklich, was da im Vorfeld alles an Erschwernissen und Rückschlägen eintrat. Vor allem die Erkältungswelle hat das Ensemble voll erfasst. Besonders schlimm war der Ausfall des Judas, noch dazu eine Woche vor der Aufführung. Immerhin handelt es sich ja um eine Darstellung musikalisch aus der Sicht des Judas mit vielen, langen Soli, textreich und extrem schwierig zu singen. Doch damit nicht genug. Bis hinweg zur Generalprobe traten noch weitere, geradezu schicksalhafte Unwägbarkeiten auf, etwa, dass eine technische Anlage mit der Akustik des verhältnismäßig kleinen Saals – wie dann in der Praxis knapp vor der Aufführung festgestellt – kaum umgehen kann, wenn die Tonquellen heterogen laut sind.
Dann fiel bei der Generalprobe, ausgerechnet am Tag der Aufführung gar ein Spot auf das Mischpult und beschädigte es. Dann traten noch weitere Erkrankungen auf, bis hinein in die Zeit während der Aufführungen selbst.
Doch nicht wir sind die Superstars, sondern ein Anderer. Und immer, wenn es auf unserem Weg dunkel bis zur Finsternis wurde, gab es dann plötzlich wieder einen Lichtschein, der uns den Weg beleuchtete, den wir weiter gehen konnten: Einen Ersatz für den ausgefallenen Judas, der die Rolle in nur einer Woche erlernte, technische Lösungsideen für die akustischen Probleme, das elektronische Wissen und manuelles Geschick unseres Tontechnikers mit dem Lötkolben und – vor allem – den unbeugsamen Willen von allen Mitwirkenden, hier mit Begeisterung und Freude dabei zu sein, wo die Skala des Fieberthermometers bedeutungslos wurde. Irgendwie schien es, als würde Genesung nicht immer eine Frage von Bettwärme und Antibiotika sein müssen.
Und dementsprechend anerkennend war auch das Publikums-Echo, wo von Vorstellung zu Vorstellung die Plätze knapper wurden. Nicht immer sind es die professionellen Showeffekte von riesigen Musicalbühnen, die betroffen machen, sondern Impulse, die über Musik und Kunst weit hinaus gehen. Es ging um die Einstimmung auf die Osterzeit und darum, dass vielleicht künftig während einer Messfeier bei den Worten der Wandlung auch einmal jene Melodie wieder in den Sinn kommt, wie bei der Darstellung des letzten Abendmahls auf dem kleinen Tischchen am vorderen Bühneneck erklungen.
Es sind eben nicht immer die großen Musical-Stars der arrivierten Bühnen oder andere Superstars, die uns letztlich und dauerhaft berühren, sondern jener, den wir in der Osterzeit 2015 in der Pfarre Liesing besungen haben.
(verfasst von Michael Wurstbauer)

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