32. Sonntag im Jahreskreis A

Hinführung zur ersten Lesung Weish 6,12-16

Prälat Johann Koller

Das Weisheitsbuch, das letzte Buch des Alten Testaments, ist einige Jahrzehnte vor Christus in Alexandria entstanden. Das Leben nach dem alten Väterglauben soll auch in der modernen hellenistischen Denk- und Lebenswelt einer heidnischen Großstadt möglich sein. Das Streben nach Weisheit in der praktischen Lebensführung, die Kunst des Lebens, war von größter Bedeutung. Israel war auch offen für die Weisheit umliegender Völker und integrierte vieles davon in den alten Väterglauben. Aus Ägypten kommt die Personifikation der Weisheit, die Göttin Maat, als Inbegriff rechter Ordnung (Götter und Menschen sind ihr unterworfen). In Israel ist die Weisheit Abglanz und Wirken JHWHs.
Die Lesung klingt naiv, ist nicht Nahrung für den Verstand. Wir arbeiten sehr auf der Ebene des Denkens und Wissens, des Wollens und Strebens. Ruhe und Muße, zweckfreies und absichtsloses Schauen auf die Gesamtwirklichkeit und auf das Geheimnis Gottes, gelingt vielen kaum. Weisheit als Erkennen mit dem Herzen – man sieht mit dem Herzen gut -fehlt vielfach auch in Religion und Pastoral. Oft geht man nach Asien, um Meditation und Achtsamkeit des Herzens zu lernen. Ob wir Priester, Ordenspersonen, Pfarrgemeinderäte engagierte Christen von heute ermutigen können, in die Stille zu gehen (stille Kirche, Schweigetage, Nachtgebete, Kloster auf Zeit, …) Dort, nicht in unruhigem Vielerlei, eröffnet sich Menschen mit Hausverstand und ehrlichem Herzen manche Ordnung und Tiefe des Lebens und Handelns – die Weisheit. Früher ging man in die Wüste oder in kontemplative Klöster. Die Weisheit blitzt oft auch im Getriebe der Großstadt und im Leiden auf.
STRAHLEND UND UNVERGÄNGLICH IST DIE WEISHEIT – jedes Wort hat Bedeutung. WER SIE LIEBT, ERBLICKT SIE SCHNELL. UND WER SIE SUCHT, FINDET SIE. DENEN, DIE NACH IHR VERLANGEN, GIBT SIE SICH SOGLEICH ZU ERKENNEN – Weisheit ist Licht, schön wie eine Braut, tief, einfach, wahr, unvergänglich, göttlich (Bild Christi?). Sie ist da, ist auch von einfachen Menschen leicht zu finden, schmeckt der Seele, nährt sie -nicht so das Vielwissen. Wo sie fehlt, kann das Leben nicht gelingen. WER SIE AM FRÜHEN MORGEN SUCHT, BRAUCHT KEINE MÜHE. ER FINDET SIE VOR SEINER TÜRE SITZEN – der frühe Morgen ist die Stunde des Gebetes (weises Beten!) und des Eingreifens Gottes. Sie leuchtet dem wachen und offenen Menschen auf. Das Reden und Tun des kommenden Tages in Familie und Beruf, Arbeit und Freizeit wird weise, wird richtig, kommt aus tiefen Quellen und wird gut und schön.
ÜBER SIE NACHZUSINNEN IST VOLLKOMMENE KLUGHEIT. WER IHRETWEGEN WACHT, WIRD SCHNELL VON SORGE FREI – waches Nachsinnen öffnet die Augen auch in schlafloser Nacht, bringt Ruhe und Frieden. SIE SELBST (!) GEHT UMHER, UM DIE ZU SUCHEN, DIE IHRER WÜRDIG SIND. FREUNDLICH ERSCHEINT SIE IHNEN AUF ALLEN WEGEN – blitzartige, erquickende Einsichten, Erfassen des Wesentlichen im täglichen Leben, auch in moderner Großstadt, Geschenk des Geistes Gottes. UND KOMMT JENEN ENTGEGEN, DIE AN SIE GLAUBEN.


Der Kommentar wurde Johann Kollers Buch „EVANGELIUM KOMPAKT UND NEU – Lesejahr A | Matthäus Band 2 | Jahreskreis entnommen“. Sie können das Buch (und die anderen in der Reihe) in der Pfarre Hernals Kalvarienberkirche beziehen.